Bigness als Katastrophe

Die Absage der Loveparade in Bochum Anfang 2009 erscheint angesichts der Tragödie von Duisburg heute als vorausschauende Entscheidung. Die logistischen Probleme, der zu kleine und im Umbau befindliche Bahnhof sowie fehlende Freiflächen, waren die zentralen Argumente. Doch dazu gesellte sich seinerzeit eine ordnungspolitische Diskussion in der die Loveparade in erster Linie als Schmutz, Lärm und Drogenprobleme verursachende Unkultur wahrgenommen wurde. Die Kritik an dieser Provinzmentalität hat heute wie damals seine Berechtigung, unabhängig davon ob die Stadt Bochum einer solchen Veranstaltung überhaupt gewachsen gewesen wäre.

Im Kulturhauptstadtjahr 2010 durfte das »Fest der Szenekultur mit seiner internationalen Strahlkraft« (Fritz Pleitgen) weder dieser Kleinkariertheit noch organisatorischen Problemen zum Opfer fallen. Alle Bedenken wurden zur Seite geschoben, die Entscheider und Planerinnen unter Druck gesetzt. Diese Haltung, gepaart mit verantwortungslosen Dilettantismus, führte zur Katastrophe. Jede Pommesbude muss Auflagen für Rettungswege und Feuerschutz erfüllen will sie nicht vom Ordnungsamt geschlossen werden. In Duisburg wurden nicht nur beide Augen zu gedrückt sondern die Möglichkeit der eingetretenen Katastrophe bewusst in Kauf genommen. »Ihr habt uns wie Tiere in einen Käfig gesperrt« steht auf einen Zettel an der Tunnelwand in Duisburg.

Weil nicht sein kann was nicht sein darf wurde in den ersten Stellungnahmen vom Fehlverhalten einzelner LoveparadeteilnehmerInnen gesprochen. Heute wissen wir das alle 21 Todesopfer an Brustquetschungen gestorben sind, das sie einfach erdrückt wurden, und das diese widerliche Lüge von den Verantwortlichen ablenken sollte, indem sie die Opfer zu Tätern machten.

Das Ruhrgebiet wird immer noch von der alten „Tonnen-Ideologie“ aus dem Zeitalter von Kohle und Stahl bestimmt. Die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 steht dafür exemplarisch. Bigness als positive Botschaft im Aufmerksamkeitswettbewerb: Die alberne Addition der Dörfer und Kleinstädte zur „Metropole Ruhr“. Massen-Chöre beim „!Sing – Day of Song“. Das Stilleben-Spektakel auf der A40. Die Loveparade.

Bigness kann auch Angst machen. Die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 wird immer mit dem Gedenken der 21 Toten und über 500 Verletzten der Loveparade verbunden bleiben.

AG Kritische Kulturhauptstadt 07/2010

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Weitere Kommentare zur Loveparade
Georg Seeßlen: Gefährliche Ordnungsmacht
Thomas Ernst: Die Erfindung der „Metropole Ruhr“ und ihre tödlichen Folgen


2 Antworten auf „Bigness als Katastrophe“


  1. 1 Peter Rath-Sangkhakorn 30. Juli 2010 um 18:06 Uhr

    Zu den Duisburger Ereignissen …

    Die Duisburg Death-Parade steht für Größenwahn, Profitgier und kulturelle Naivität der leitenden Angestellten unserer Republik. Und viele, die jetzt mit dem Finger der ausgestreckten Hand auf Herrn Sauerland zeigen, sollten bedenken, wieviele Finger auf sie zurück zeigen. Oder hat mann/frau schon vergessen wer alles unter dem Etikett „Event“ und „Jugendkultur“ so KRAFTvoll für das Love-Parade-Spektakel geworben hat, was schon seit Jahren nur noch der „kommerziellen Verwertung und der Werbung einer Marke diente“ (Motte). Ein Steuerabschreibungsmodell als Kultur-Event und Standortfaktor zu verkaufen, steht für den weiteren Niedergang der vorherrschenden Kulturpolitik.

    Die Love-Parade unter dem Motto „The Art of Love“, also die Kunst der Liebe, war schon ein aufdringlicher Massenwindel und wenn unsere Pietätsheuchler und Kondolenzkamerilla jetzt nur über Sicherheitskonzepte und Sicherheitslücken nach“denken“ offenbaren sie nur, das postindustrielle Elend weiter „kulturell“ überformen zu wollen.

    Wenn Jugendliche zunehmend die Erfahrung machen, wie ihnen Lebens- und Erfahrungs(spiel)räume beschnitten werden, sie im Wartestand gesellschaftlicher Überflüssigkeit verharren müssen, da sind natürlich Events a la Love-Parade sozusagen die Plomben für Erlebnislöcher. Aber Fragen, nach einer kulturellen Infrastruktur zu stellen überfordert offenbar diese Gesellschaft …

    Wenn kulturelle „Breitenarbeit“ nicht mehr stattfindet, die Kommerzialisierung voranschreitet und unter dem Etikett „Sparen“ im Bereich der Kultur- und Sozialpolitik zu Gunsten des großen Geldes und der Banken gekürzt wird, braucht man sich auch über den Run auf (kostenlose) Großereignisse nicht mehr wundern. Und es überrascht dann auch nicht, wenn Jugendliche ins „second life“ strömen, weil das „first life“ so beschissen und erlebnisarm ist.

    Wenn Jugendzentren vor sich hin dümpeln, Schulen zu Bildungsvollzugsanstalten verkommen, Kulturarbeit gekürzt und Kultur ein kommerzialisiertes Wirtschaftsgut wird. wenn statt Werten und Inhalten nur noch „Kompetenzen“ in Schulen und Bildungseinrichtungen vermittelt werden, um im globalen Wettbewerb andere nieder zu konkurrenzieren, der Sozialdarwinismus gefördert wird, warum wundert man sich dann noch, wenn es nur noch Identität durch Selbstaufblähung gibt? Dann geht es doch ohne jedwede Handlungsfolgenabschätzung immer nur noch nach dem Motto „immer größer – immer schneller – immer weiter“.

    Hätten Jugendliche „vor Ort“ Möglichkeiten jugendgemäßer Entfaltung, bräuchte es keiner Mega-Events, die sich dann doch als Massenschwindel und Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen Verblödung erweisen.

    Aber auch der trauernde Betroffenheitsjournalismus kratzt nur ein bißchen an der Oberfläche, haben wir doch in der Berichterstattung der Medien unsere „Ich-bin-hier-draußen-schwer-professionell-vor-Ort-Reporter“ erlebt, die als Angehörige der plappernden Kaste auch nicht wußten, was sie dachten, da sie noch nicht gehört hatten, was sie gesagt hatten …

    Und wenn dann jetzt irgendwann der eine oder andere Verantwortliche „Verantwortung“ übernimmt, dann geschieht das wieder mit dem üblichen gut dotierten Ruhegehalt. Es wäre an der Zeit die Frage der Politiker-Haftung einschließlich Kürzung der Pensionen aufzuwerfen (der doppelte Hartz-IV-Regelsatz wäre doch eigentlich angemessen genug?!)
    Die Skala des Politikerversagen ist lang und oft in ihren Auswirkungen grausamer als der spektakuläre Tod von 21 Jugendlichen auf dem Altar des Kultur-Kapitalismus.

  1. 1 stadtnachrichten montag 13 september « from town to town Pingback am 13. September 2010 um 10:14 Uhr
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